Michael Heym:
Das Unsichtbare im Blick
Zwischen Kampfstern Galactica und Museum Koenig war noch eine Lücke zu füllen, die im Alltag beginnt und im zeitgenössischen Ausstellungskontext endet. Gesine Grundmann hat diesen Zusammenhang schnell erkannt und gleich gehandelt. 2007 erweckt sie den „Großen Rheinischen Tiger“ zum Leben um ihm ein Dasein in der Asservatenkammer zu ersparen, ganz so, als führte sie mit den aneinander genähten Schaffellen ein Beweismittel vor, um für die ausgestorben geglaubte Art lebendiger Seelen zu werben. Hier steckt zwar der Witz im Fell und die Pointe liegt außerhalb des Konzepts, aber das ist erst der Anfang. Denn „Grundmann“ und „grundständig“ ist schließlich Tautologie genug, das reicht für ein Leben. Anders als in vielen zeitgenössischen Kunstsparten üblich, wird der Wahrnehmung hier nicht die Rolle eines sklavisch-funktionalen Konzept-Erfüllungsgehilfen zugewiesen, sondern sie selbst ist Gegenstand der Betrachtung. So auch bei den Dosen aus glasierter Keramik (2009-2010), deren ganzes Dasein in ihrem Ähnlichkeitsstreben zu ihren blechern nackten Vorbildern besteht. Nur durch die neugierige Betrachtung formt sich urplötzlich aus der scheinbar allzu bekannten Hohlform des Wegwerfprodukts die sinnliche Erkenntnis eines Volumens. Nicht, dass es um eine Art Meta-Dose als Stellvertreter für alle Blechbüchsen zwischen Pokalersatz und Konservierungswahn ginge, viel eher demonstriert die organische Materialität eine selbstverständliche Gelassenheit, die sich jenseits der funktionalen Eindimensionalität administrativer Produktsprache auf die Leistung der Sinne stützt. Denn nur durch das überprüfend genaue Hinsehen kann sich die Erkenntnis eines intuitiv erfassbaren Ganzen einstellen. Der Materialshift von Leichtmetall zu platiniertem Ton leistet dabei eine Verdichtung von Material, Wörtlichkeit und übertragenem Sinn auf einmal indem er etwas von jener lebendigen Intensität zu transportieren vermag, die Idee und Realisation unmittelbar vorausgegangen ist.
Ganz ähnlich verhält es sich mit dem auf den Sockel gehievten Gemüse ( „Gemüsehaufen“ 2010). Es kann jeglichen Anflug von Post-Pop Gehabe souverän in den Haufen abschütteln, in dem es steckt, der beliebte Gegensatz von Massenprodukt und Individuum ist dabei längst überwunden. Nicht zugunsten einer peinlich genauen Nachahmung nach der Natur, sondern um mit dem Mittel der Mimesis aus Blitzbeton, Kunststoff und verschieden farbigen Metallpulvern in einer Tradition zu stehen, die sich einst auf den Weg machte mit der Soft-Sculpture Knautschigkeit etwas anzudeuten, was geradezu ungehörig klingt: Nämlich im Wiedererkennen des eigenen Blicks Schönheit zu empfinden.
Copyright by Michael Heym, 2010