Carla Donauer:
not one thing that you want is upstream
Die auratische Präsentation der Arbeiten, verspricht genau das: eine Konzentration auf das einzelne Objekt – nur ich und du. Was ist es eigentlich was wir sehen? Wie verhält sich ein Ding zu seiner tatsächlichen Materialität und Deutbarkeit? Was bedeutet es also zu erkennen und zu deuten? Die Frage nach Signifikat und Signifikant stellt sich gewissermaßen skulptural in Gesine Grundmanns Arbeiten.
Dass Vorstellung und Wissen über etwas oft zwei verschiedene Dinge sind, lässt sich beispielsweise an einer der insgesamt sechs gezeigten Arbeiten der Ausstellung O.T. (Rinde) verdeutlichen: Die Platten, die sich hier als klassische Bildträger präsentieren, erscheinen zunächst wie minimal abstrakte Malereien, schaut man genauer hin glaubt man darin in Form gebrachte Baumrinde zu erkennen – hier tritt das Material als Ambivalent auf, handelt es sich doch tatsächlich um Polyester dessen Oberfläche mit Steinpulver bearbeitet wurde. Die Frage nach Mimesis und Täuschung findet sich in vielen Arbeiten der Ausstellung und man mag es als Aufforderung verstehen: Die der Erkenntnisgewinnung durch das Überprüfen allgegenwertiger Seheindrücke.
Ein weißer Kubus (Territories), die dritte Dimension des Quadrats und Äußerung von Volumen – eine einfache geometrische Figur, mit großer kunsthistorischer Aufladung. Diese wird aufgebrochen durch eine fast gegenläufige Richtungsbewegung – die Welle, eigentlich ein dynamischer Prozess, wird hier an den Kanten zusammengeführt und hält den Zustand von ewiger Spannung, als wäre dies nichts mehr als eine Selbstverständlichkeit. Das ursprünglich einfache Material des Wellblechs, das durch seine bearbeitete matte Oberfläche jegliche Spiegelung verschluckt, da der ursprünglich glänzende Kunststoff geschliffen wurde, verwandelt sich so in ein nahezu hochwertiges Material – mit einem Augenzwinkern wird hier das in Massenproduktion fabrizierte Nutzmaterial in neue Gebiete geführt.
Hingegen bei der für die Ausstellung entstandenen neuen Arbeit Upstream ist das Material klar zu identifizieren, gar historisch: Eine seltene Art flachen Sedimentgesteins, welches als Abbruch, durchsiebt und geformt von Zeit und Gezeiten, an Küstenabschnitten Israels zu finden ist. Diese found-objects werden im Verbund auf einem Trägergrund, der sich vertikal in den Raum stellt, zum bildhauerischen Artefakt. Das Material bringt seine eigene Information mit, die hier einerseits wissenschaftlich deutbar, aber auch im reinen „Sehen“ einen bildwerten Mehrwert generiert.
Eine Ökonomie des Materials findet sich auch in der Arbeit Eisberg – hier schieben sich Styrodurplatten so ineinander, das sie den Eindruck des „Gewachsen-seins“ hinterlassen, fliessend, Schicht um Schicht. Ähnlich wie bei Territories kommen hier zwei unterschiedliche Bewegungen zusammen: Der formalen Setzung folgt die Bewegung im Material.
Diese Dualität von alltäglichem, einfachen Material, welches eine Umwandlung durch die Arbeit erfährt und andererseits die Transformation von werthaften Material in Einfaches fordert den Betrachter geradezu heraus das Gesehene zu erforschen, zu hinterfragen und die eigene Wahrnehmung zu testen. Ist das was ich sehe, das für das ich es halte? Dabei erschafft Grundmann eine minimale Bildsprache, die sich durch eine Verschränkung von Materialdiversität und Design, Hochkultur und Handwerk auszeichnet.
Gesine Grundmann spürt in ihren Arbeiten das Potenzial von Material auf – indem sie Material austauscht, es ersetzt, auf- und abwertet, umdeutet und es schließlich auf die Probe stellt. So auch in der Arbeit Sunday Morning, einer Kollaborationsarbeit zwischen der Künstlerin und der Malerin Sabine Tress. Reste von Bildproduktion, eines künstlerischen Prozesses, Zufall und Lenkung kommen hier zusammen. Die Zeichenhaftigkeit der Stiefel, als trendiges Gebrauchsstück oder als das amerikanischste aller Symbole, tritt hinter ihrer Materialität zurück. In diesem Umgang mit Skulptur liegt eine große Freiheit - Warum nicht heute mit Muscheltasche ausgehen?
Copyright by Carla Donauer, 2013